Gesundheitsversorgung in Oberhavel sichern
Landkreis und Kliniken beantworten die wichtigsten Fragen rund um die Krankenhausreform
Die Krankenhausreform der Bundesregierung, in Kraft seit vergangenem Dezember, sieht einen massiven Umbau der Krankenhauslandschaft in ganz Deutschland vor. So soll unter anderem die Zahl der Krankenhäuser deutlich sinken. Die Reform betrifft auch den Landkreis Oberhavel mit den kreiseigenen Oberhavel Kliniken. Der Aufsichtsrat der Kliniken hat daher einen Beschluss gefasst, um die Gesundheitsversorgung in Oberhavel auch langfristig sicherzustellen. Die Pläne sehen vor, die stationäre Versorgung der Kliniken Hennigsdorf und Oranienburg am Standort Oranienburg zu konzentrieren und in Hennigsdorf die ambulanten Angebote zu stärken. Die Klinik in Gransee bleibt unverändert erhalten und sichert die Grundversorgung im Norden Oberhavels. Die Oberhavel Kliniken und der Landkreis informieren auf der Internetseite reform.oberhavel-kliniken.de sehr umfangreich über die Reform.
„Selbstverständlich kann ich die Sorgen und Bedenken der Menschen in und um Hennigsdorf herum sehr gut verstehen. An den Vorgaben der Krankenhausreform kommen wir aber langfristig nicht vorbei. Deshalb ist es jetzt Zeit, einen Strukturwandel mit Augenmaß einzuleiten, der die medizinische Versorgung Oberhavels auch über die nächsten Jahrzehnte hinweg sichert. Wir müssen dafür jetzt die Weichen stellen – sonst tun es andere für uns“, appelliert Landrat Alexander Tönnies. Nicht zuletzt geht es darum, die für den Umbau notwendigen, sehr begrenzten Fördermittel des Bundes zu beantragen. Dafür braucht es konkrete Planungen bis zum Jahresende 2025.
In verschiedenen Veranstaltungen haben Kreis und Kliniken deshalb inzwischen die Abgeordneten des Kreistags, die Verwaltungschefs der Kommunen und die Stadtverordneten Hennigsdorfs über die Details und Hintergründe der Planungen informiert. „Gerade aus der Runde der Bürgermeister ist uns viel Verständnis und Zuspruch entgegengebracht worden, auch Bürgerinnen und Bürger haben sich bei uns gemeldet und begrüßen unser aktives Handeln, bevor es zu spät ist“, erklärt Tönnies. Er kündigt zudem eine öffentliche Informationsveranstaltung zu den Folgen der Krankenhausreform auf Oberhavel in Hennigsdorf an. Diese soll voraussichtlich noch im März stattfinden.
In offenen Briefen haben sich zwischenzeitlich außerdem Chefärztinnen und Chefärzte, Pflegekräfte und Lehrende der AGUS Pflegeschule für die Zusammenlegung der Standorte Hennigsdorf und Oranienburg ausgesprochen. Gleichwohl gibt es auch Kritik und Befürchtungen von Bürgern und Politikern, die medizinische Versorgung in Hennigsdorf könne leiden. Zahlreiche Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern haben die Kliniken und den Landkreis dazu erreicht. Die häufigsten Fragen werden hier beantwortet:
Was passiert, wenn alles bleibt, wie es jetzt ist?
Wenn die Oberhavel Kliniken jetzt keine Strukturveränderungen auf den Weg bringen, müssen die Leistungen am Standort Hennigsdorf stark eingeschränkt werden. Zugleich wäre der Standort Oranienburg nicht mehr tragfähig, weil Leistungsgruppen – und damit medizinisches Fachpersonal – fehlen würden. Insgesamt würde die medizinische Versorgung in Oberhavel deutlich einbüßen, so würde beispielsweise die Notfallversorgung für Herzinfarkte und Schlaganfälle gänzlich verloren gehen. Das Risiko ist sehr hoch, dass es in einigen Jahren gar kein Krankenhaus mehr in Oberhavel gibt.
Es heißt, die medizinische Versorgung in Hennigsdorf bleibt gesichert. Wie genau soll das passieren, was bleibt in Hennigsdorf erhalten?
In Hennigsdorf werden weiterhin Fachärztinnen und Fachärzte ansässig sein, so dass die Gesundheitsversorgung gesichert bleibt. Im Hennigsdorfer Krankenhaus wird ein Medizinisches Versorgungszentrum – eine Poliklinik mit Facharztpraxen – entstehen, die ein breites Spektrum an Gesundheitsleistungen absichert. Erhalten bleiben die Tageskliniken und die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA). Und auch Rettungskräfte und Notarzt werden weiter in Hennigsdorf stationiert sein. Die Rettungswache wird am heutigen Standort weiter betrieben. In anderen Gebäudeteilen der heutigen Hennigsdorfer Klinik können Wohnungen entstehen. An allen drei Standorten – Oranienburg, Gransee und Hennigsdorf – bleibt die medizinische Versorgung also erhalten.
Die Klinik Hennigsdorf versorgt aktuell akute Schlaganfälle. Wenn der Standort geschlossen wird, vergeht dann nicht kostbare Zeit, um Menschenleben zu retten?
Die Rettungswache in Hennigsdorf bleibt erhalten. Bei einem medizinischen Notfall sind Notarzt und Rettungsdienst also schnell vor Ort. Patientinnen und Patienten werden weiterhin je nach Notfall in die geeignete Klinik gebracht. Das ist im Fall eines Schlaganfalles oder Herzinfarktes zukünftig die Klinik in Oranienburg. Bei anderen medizinischen Notfällen steuert der Rettungsdienst andere Fachkliniken an. Im Übrigen gilt überall in Oberhavel, dass die rettende Hilfe innerhalb von 15 Minuten am Einsatzort sein soll. Um dies auch bei gestiegenen Rettungseinsatzzahlen zu gewährleisten, werden in unserem Landkreis neue Rettungswachen – beispielsweise in Schönfließ und Fürstenberg – gebaut.
Was sollen die älteren und gebrechlichen Patienten machen, die nicht mobil sind, wenn sie in ein Krankenhaus müssen? Steht dann immer ein Transport zur Verfügung?
Krankentransporte stehen – unabhängig vom Klinikstandort – bereits heute Menschen, die nicht mobil sind, zur Verfügung. Daran ändert sich in Oberhavel nichts.
Gehen Arbeitsplätze verloren, wenn der Standort Hennigsdorf geschlossen wird?
In den Oberhavel Kliniken bleiben alle Arbeitsplätze erhalten. Mit einem großen Krankenhaus in Oranienburg werden sich die Bedingungen und auch die Perspektiven für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbessern. Bereits heute ist das Personal knapp, denn es herrscht auch im medizinischen Bereich Fachkräftemangel. Mit einem zentralen Krankenhaus in Oranienburg werden die Arbeitsplätze langfristig attraktiver, denn auch die Möglichkeiten für medizinisches Fachpersonal werden vielfältiger.
Weshalb wurden kurz vorher noch Millionen in die Modernisierung des Standortes Hennigsdorf gesteckt, wenn es jetzt so kurz danach nicht rentabel sein soll?
Die Modernisierung war vor dem Inkrafttreten der Krankenhausreform auf den Weg gebracht worden. Hierdurch haben sich die Arbeitsbedingungen für das medizinische Personal in Hennigsdorf verbessert und sie waren notwendig, um das Krankenhaus noch die nächsten Jahre betreiben zu können, bis die Krankenhausreform greift. Auch jetzt noch werden weiterhin Instandhaltungsmaßnahmen stattfinden, um in der Klinik Hennigsdorf eine qualifizierte und moderne Gesundheitsversorgung anbieten zu können.
Wenn Hennigsdorf schließt, gibt es dann künftig weniger medizinische Versorgung in Oberhavel?
Nein, die drei Standorte der Oberhavel Kliniken und die fachärztliche Versorgung bleiben erhalten. Die stationäre medizinische Versorgung wird am Standort Oranienburg konzentriert. Heute stehen hier 220 Betten zur Verfügung, in Zukunft werden es etwa 500 Plätze für Menschen, die einen Krankenhausaufenthalt benötigen, sein. Die Ärztinnen, Ärzte und das Pflegepersonal der Oberhavel Kliniken kümmern sich an diesem zentralen Standort um diese Menschen.
Was passiert mit den Immobilien in Hennigsdorf? Werden dort künftig Geflüchtete untergebracht?
Nein. Teile des Objektes werden weiterhin für die Poliklinik und weitere Facharztpraxen benötigt, die ein breites Spektrum an Gesundheitsleistungen absichern. Erhalten bleiben außerdem die Tageskliniken und die Psychiatrische Institutsambulanz (PIA). In anderen Gebäudeteilen der heutigen Hennigsdorfer Klinik können Wohnungen oder beispielsweise Pflegeplätze entstehen, um dem Bedarf für Hennigsdorf hier gerecht zu werden. Dazu gibt es schon erste Überlegungen. Die Nachnutzung ist aber zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschließend geklärt.
Warum wird die Bettenzahl insgesamt reduziert? Wenn Hennigsdorf geschlossen wird, bedeutet das nicht eine schlechtere Versorgung, längere Wartezeiten und noch weitere Wege?
Mindest-Qualitätsanforderungen können nicht an beiden Standorten – in Hennigsdorf und Oranienburg – gleichzeitig erfüllt werden. In Zukunft sichert ein Krankenhaus in Oranienburg mit 500 Betten die stationäre medizinische Versorgung. Die Zahl der stationären Aufenthalte in einem Krankenhaus sinkt insgesamt aber seit Jahren. Immer mehr Behandlungen werden ambulant durchgeführt, das heißt, die Patientinnen und Patienten müssen nach einem Eingriff häufig nicht mehr im Krankenhaus bleiben oder werden früher entlassen, als das noch vor zehn Jahren der Fall war.
Ist Oranienburg nicht überlastet, wenn zusätzlich 25.000 Menschen aus Hennigsdorf nach Oranienburg fahren müssen?
Der Standort in Oranienburg soll für die stationäre Behandlung ausgebaut werden. Etwa 500 statt der bisher 220 Betten stehen dann zur Verfügung. Für Facharztbesuche müssen die Hennigsdorferinnen und Hennigsdorfer aber nicht nach Oranienburg fahren, denn ein breites Spektrum an Arztpraxen sichert die medizinische Behandlung dort weiter ab. Für den Krankenhausstandort Oranienburg spricht zudem, dass die Erreichbarkeit für Oberhavels Einwohnerinnen und Einwohner günstiger ist: 87 Prozent der Bevölkerung erreicht das Oranienburger Krankenhaus innerhalb von maximal 30 Fahrminuten mit dem Auto. Darüber hinaus können Patientinnen und Patienten aus dem Norden Oberhavels, insbesondere bei Schlaganfall und Herzinfarkt, deutlich schneller in Oranienburg erstversorgt werden, als das bisher in Hennigsdorf der Fall ist.
Bietet Oranienburg überhaupt den nötigen Platz für eine Erweiterung?
Ja, eine Erweiterung ist möglich. Erste Ideen und Plangrundlagen gibt es bereits. Jetzt soll eine Studie die konkrete Machbarkeit ermitteln. Für die Beauftragung ist ein Beschluss des Kreistages Oberhavel erforderlich. Die Studie ist Voraussetzung, um Fördermittel aus dem Transformationsfonds des Bundes beantragen zu können.
Wie und wo wird eine Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr gewährleistet? Es ist doch in Oranienburg kaum möglich und wo werden zusätzliche Parkplätze geschaffen?
Die Planungen für den Neubau in Oranienburg stehen noch ganz am Anfang. Erste Ideen und Plangrundlagen gibt es bereits. Jetzt soll eine Studie die konkrete Machbarkeit ermitteln. Dabei wird auch der ÖPNV und mögliche stärkere Bedarfe für den Krankenhausstandort berücksichtigt. Die kreiseigene Oberhavel Verkehrsgesellschaft mbH (OVG) wird hier eng eingebunden, um die Anbindung an den Standort Oranienburg zu optimieren. Schon jetzt ist aber eine Erreichbarkeit per Bus gegeben (Buslinien 804 und 821, Haltestelle Oranienburg, Krankenhaus). Zusätzliche Parkplätze sollen in einem eigenen Parkhaus realisiert werden.
Woher sollen die knapp 400 Millionen Euro für den Neubau in Oranienburg kommen? Muss der Ausbau in Oranienburg über Schulden finanziert werden?
Die Bundes- und die Landesregierung stellen Fördermittel für den Umbau der Krankenhauslandschaft in Deutschland bereit. Um diese Gelder beantragen zu können, muss die künftige Gesundheitsversorgung in Oberhavel jetzt detailliert geplant werden. Nur so kann Oberhavel von diesen Fördergeldern profitieren. Der Landkreis allein kann eine solche Investitionssumme nicht aufbringen. Um die bestmögliche Entscheidung zu treffen, haben der Aufsichtsrat der Oberhavel Kliniken und der Landkreis untersuchen lassen, welche Möglichkeiten es im Rahmen der Krankenhausreform des Bundes für Oberhavel gibt. Ergebnis war, dass ein großes Krankenhaus in Oranienburg und der Umbau des Hennigsdorfer Krankenhauses zu einer Poliklinik die Gesundheitsversorgung in Oberhavel auf sichere Füße stellt.
Warum werden die Ideen für Oranienburg nicht am Standort Hennigsdorf umgesetzt?
Der Standort Oranienburg ist zentraler und so für mehr Menschen in kürzerer Zeit erreichbar. Der Standort entspricht den Vorgaben der Krankenhausreform zur Zentralisierung. Zudem ist die Bausubstanz in Hennigsdorf deutlich älter. Eine Erweiterung und der Um- und Ausbau wären mit deutlich höheren Kosten verbunden.
Kommt die Entscheidung für eine Konzentration der Krankenhausstandorte in Oranienburg überraschend?
Nein. Das Gesetz zur Krankenhausreform wurde seit vielen Monaten in der Öffentlichkeit diskutiert. Auch die darin enthaltenen Vorgaben für Krankenhausstandorte sind seit Langem klar. Daher hatte sich der Aufsichtsrat der Kliniken in den vergangenen Monaten eingehend mit dem neuen Gesetz und seinen Vorgaben befasst und Experten beauftragt, um Möglichkeiten für Oberhavels Krankenhausstandorte zu entwickeln. Ergebnis sind die jetzt vorgelegten Empfehlungen zur Konzentration der Kliniken im Süden Oberhavels am Standort Oranienburg.